Doktorierenden-Workshop im Zusammenhang mit der Jahrestagung 2023 der Gesellschaft für Exilforschung e.V.

Doktorierenden-Workshop im Zusammenhang mit der Jahrestagung 2023 der Gesellschaft für Exilforschung e.V.

Organisatoren
Kristina Schulz, Université de Neuchâtel; Wiebke von Bernstorff, Universität Hildesheim; Andrea Hammel, University of Aberystwyth
PLZ
49074
Ort
Osnabrück
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
21.09.2023 -
Von
Ramon Wiederkehr, Institut d'histoire, Université de Neuchâtel

Im Vorfeld der diesjährigen Jahrestagung der Gesellschaft für Exilforschung e.V. zum Thema „Exil und Frieden. Exil-, Migrations- und Fluchtforschung im Dialog“ in der “Friedensstadt” Osnabrück fand wie gewohnt ein Doktorierenden-Workshop statt. Dabei diskutierten die Anwesenden in drei Sektionen die laufenden Forschungsprojekte von insgesamt acht Promovierenden. Zwei weitere Vorträge von Christina Wirth und Laura Lotte Lemmer mussten leider krankheitsbedingt abgesagt werden.

Den Anfang machte ANNE UHRLANDT (München) mit einer Präsentation zum Exil der Kunsthändlerfamilie Stern in England, die sich in den 1930er-Jahren erfolgreich im Londoner Kunstmarkt etabliert hatte. Sie fokussierte sich dabei auf die durch Arbeitsverbot und Internierung erschwerten Bedingungen des britischen Exils während der Kriegsjahre. Das Projekt verfolgt dabei einen interdisziplinären Ansatz der Provenienzforschung, in dem die mit den Objekten verknüpften Personen und ihre Schicksale im Vordergrund stehen. Methodisch wird die reiche Quellenlage anhand des Ökosystem-Modells von Anne Helmreich holistisch analysiert.

FILOMENA LOPEDOTO (Düsseldorf) zeichnete am Beispiel der Bildhauerin Emy Roeder (1890–1971) die Welt der deutschsprachigen Kunstschaffenden im faschistischen Italien nach, wobei diese durch eine digitale Netzwerkanalyse sichtbar gemacht werden soll. Das widersprüchliche Verhältnis von Roeder zum Faschismus und ihre Selbstinszenierung als Exilierte standen dabei im Zentrum der Fragestellung. In einem zweiten Schritt analysierte sie das Nachwirken der Zeit in Italien auf das spätere künstlerische Wirken weiterer ausgewählter Personen nach 1945.

FINJA ZEMKE (Hamburg) ging schließlich der Frage nach, inwiefern in den literarischen Texten von Exilautor:innen wie Arendt und Anders das Theater als ästhetische Kategorie auftaucht, durch welche das Exildasein reflektiert wird. Das Exil wird dabei nicht als “Wirklichkeit” (an-)erkannt, sondern anhand einer “theatermetaphorischen Sprache” als Kulisse oder Bühne imaginiert.

Zu Beginn der zweiten Sektion widmete sich RAPHAELA MONIKA BOLLWEIN (Wien) der heterogenen Kategorie der “unaccompanied children”, welche in der unmittelbaren Nachkriegszeit nach 1945 durch die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) eingeführt wurde. Die Suche nach langfristigen Lösungen für diese kriegsversehrten Kinder war geprägt durch divergierende politische Interessen, unrealistischen Ansprüchen von Adoptivfamilien und Umsiedlungskommissionen (beispielsweise in Bezug auf Alter und Nationalität) sowie von zeitgenössischen normativen Familien- und Rollenbildern.

JESSICA WEHNER (Osnabrück) behandelte in ihrem Vortrag, der ebenfalls in der unmittelbaren Nachkriegszeit angesiedelt war, die Behandlung von Randgruppen innerhalb der Kategorie der Displaced Persons (DPs) unter dem Mandat der International Refugee Organization (IRO) zwischen 1947 und 1952. Besonderes Interesse galt dabei den muslimisch gelesenen DPs, welche aus politischen und rassistischen Gründen oft von internationalen Hilfsangeboten (wie der Umsiedlung) ausgeschlossen wurden. Anhand von IRO-Registrierungsakten zeigte sie, wie marginalisierte Gruppen dennoch Wege fanden, sich gegen stereotypische Charakterzuschreibungen zu wehren und als Flüchtlinge anerkannt zu werden.

Das von LENA CHRISTOPH (Wien) vorgestellte Promotionsprojekt, das im gleichen ERC-Projekt wie die Arbeit von Raphaela Monika Bollwein angesiedelt ist, verglich die Transiterfahrungen von jüdischen, russischen und chinesischen DPs, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den Philippinen disloziert waren. Auf der Makro-, Meso- und Mikroebene zeigte sie, wie deren Repatriierung politisch instrumentalisiert wurde und gerade die Behandlung der chinesischen Gruppe stark durch antikommunistische Ressentiments im erst 1946 unabhängig gewordenen Staat geprägt war.

In der letzten Sektion gab ALICE LACOUE-LABARTHE (Brüssel) einen Einblick in ihr Projekt zu einer Auswahl von nach 2015 in Deutschland erschienenen Flüchtlingsromanen, die Bezug zum deutschsprachigen Exil während der NS-Zeit nehmen. Anhand einer literaturwissenschaftlichen Diskursanalyse versteht sie die Romane als Exilliteratur nach Bettina Bannasch, in denen Exilerfahrung zur Sprache kommt, ohne dass Autor:innen selbst im Exil gewesen sein müssen. Durch ihre Bezugnahme auf das historische deutsche Exil des 20. Jahrhunderts ordnen sich die Romane in eine politische-transnationale Literaturtradition ein.

Den Abschluss des Workshops machte MERLE BIEBER (St. Pölten). Ihr Vortrag untersuchte das Tragen von Dirndl und Lederhosen als jüdisches Kleidungsphänomen im Kontext der stadtbürgerlichen Aneignung der typisch niederösterreichischen Tracht ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Anhand von über 400 Fotografien und knapp 100 Selbstzeugnissen ging sie der Frage nach, inwiefern das Trachtentragen durch Jüdinnen und Juden in Österreich als Modeströmung, Akkulturation oder Kulturtransfer verstanden werden kann.

Die im Rahmen des Doktorierenden-Workshops vorgetragenen Projekte spiegelten nicht nur die Vielfalt und Originalität der aktuellen Forschung wider, sondern machten auch eine fruchtbare und erweiterte Auseinandersetzung mit den Begriffen Exil, Flucht und Migration deutlich. Die konstruktive Diskussion der Beiträge zeichnete sich besonders durch ihren interdisziplinären Charakter aus, der sowohl zu inhaltlichen wie auch theoretischen Anregungen führte, von denen sowohl neue wie auch bereits fortgeschrittene Projekte profitieren konnten.

Konferenzübersicht:

Sektion 1 (Moderation: Wiebke von Bernstorff)

Anne Uhrlandt (München): Das britische Exil von Hedi und Dr. Max Stern in London (1937–1940) sowie die Geschichte ihrer Londoner Galerie „West´s Galleries Ltd.“

Filomena Lopedoto (Düsseldorf): Deutschsprachiges Kunstexil in Florenz, 1933–1945. Die Bildhauerin Emy Roeder

Finja Zemke (Hamburg): Denkbilder des Theaters im Exil. Eine Lektüre mit Hannah Arendt und Günther Anders

Sektion 2 (Moderation: Kristina Schulz)

Raphaela Monika Bollwein (Wien): “Our Children - the Future of our Nation”. Resettlementstrategien von unbegleiteten Kindern im Spannungsfeld von Schutzbedürftigkeit und nationalen, politischen Interessen

Jessica Wehner (Osnabrück): Normen, Praktiken & Marginalität – „Muslimisch“ gelesene Displaced Persons im Flüchtlingsregime der Nachkriegszeit

Lena Christoph (Wien): Transit Through the Philippines. Jewish and Russian Displaced Persons in Search for New Homes, 1945–1952

Sektion 3 (Moderation: Andrea Hammel)

Alice Lacoue-Labarthe (Brüssel): Deutschsprachige Exilliteratur im Kontext der Flüchtlingskrise

Merle Bieber (St. Pölten): „Koschere“ Lederhosen, „jüdische“ Dirndln? Das Tragen von Tracht als Repräsentationen der Zugehörigkeit in Wien und Niederösterreich zwischen Aufkommen der Sommerfrische und 1938